Psychische Erkrankungen sind Teil unserer Gesellschaft – und doch oft von Schweigen, Scham und Vorurteilen begleitet. Diese prägen den öffentlichen Diskurs und verdecken, was psychisches Leiden für Betroffene tatsächlich bedeutet.

Verstehen statt Stigma verbindet wissenschaftlich fundierte psychologische Einordnung mit persönlichen Erfahrungen. Ziel ist es, nicht nur zu informieren, sondern Verständnis zu ermöglichen:
für Betroffene, für Angehörige: und für alle, die lernen möchten, psychische Gesundheit differenziert, respektvoll und menschlich zu betrachten.

Verstehen statt Stigma

Verstehen statt Stigma

Einordnung:

Diese Webseite verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Psychologie mit der persönlichen Stimme einer betroffenen Person. Ziel ist es, psychische Erkrankungen nicht nur zu erklären, sondern auch erlebbar zu machen.

Die theoretischen Inhalte basieren auf Fachliteratur; Quellen werden zugunsten des Leseflusses nicht direkt im Text ausgewiesen. Alle Bilder, Videos und künstlerischen Arbeiten stammen von der betroffenen Person und sind Ausdruck ihres subjektiven Erlebens.

Die persönlichen Texte und Zitate sind als solche gekennzeichnet und geben eine individuelle Perspektive wieder. Sie erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern möchten zeigen, wie sich psychische Erkrankungen anfühlen können – und was aus Sicht einer Betroffenen im Umfeld unterstützend wirkt.

Wenn Gefühle wahr werden dürfen

Heute weiss ich, dass das Gefühl, ich würde lügen oder übertreiben, eine Schutzstrategie ist, um mit den Gefühlen von früher umgehen zu können. Trotzdem fühlt es sich noch immer so an, als würde ich nur so tun, als ginge es mir nicht gut. In diesem Video stelle ich mir die Frage: Wie würde die Welt aussehen, wenn ich meiner Wahrnehmung und meinen Gefühlen aus der Vergangenheit vertrauen könnte? Ich stellte mir ein Kind vor, das das erlebt hat, was ich erlebt habe, und entdeckte während des Gestaltens des Videos, dass die Schwierigkeiten, die ich heute habe, eine logische Folge davon sind. Es ging mir darum, eine mitfühlende Haltung gegenüber diesem Kind einzunehmen, das all das erlebt hat. Wenn ich diesen Gefühlen damals vertrauen könnte, ohne sie zu bagatellisieren oder zu verdrängen, merke ich, dass ich aus Ohnmacht und Gleichgültigkeit in eine mitfühlende und handlungsfähige Position kommen kann. Die Taubheit, die mein Leben bedeckt, lichtet sich, und ich kann anfangen zu fühlen, zu verstehen, nachzuvollziehen und zu heilen. Ich erhoffe mir, dass dadurch eine Verbindung entsteht, zu mir selbst, zu anderen und zum Leben, die mich an diese Welt bindet, sodass ich nicht mehr losgelöst durch mein Leben wandle.

Ich habe das Typewriter-Format gewählt, um widerzuspiegeln, wie Erinnerungen und Gefühle fragmentarisch im Inneren auftauchen. Das Klicken der Tasten und das langsame Entstehen der Worte visualisieren den Prozess des Formulierens und Wahrnehmens. Das Format lässt Raum und Zeit, um die einzelnen Aussagen aufnehmen zu können, und gibt dem Narrator die Kontrolle darüber, in welchem Rhythmus die Zeilen gelesen werden. So konnte ich eine Stimmung erzeugen, wie die einer Person, die bei einem Gewitter auf dem Balkon rauchend ihren Gedanken nachgeht. Für mich war es wichtig, den Gedankenweg durch mehrere Sinne erfahrbar zu machen, um das Erleben verständlicher und zugänglicher zu gestalten.

-Text & Video einer Betroffenen

Pychische Gesundheit verstehen

Begriffe, die helfen einzuordnen – ohne zu vereinfachen.

Psychische Gesundheit ist mehr als „funktionieren“, und psychische Erkrankung ist mehr als „nicht stark genug sein“. Wie es uns geht, entsteht im Zusammenspiel von inneren Voraussetzungen, Erfahrungen, Beziehungen und äusseren Belastungen. Manche Menschen haben Phasen, in denen sie stabil sind. Andere leben mit Symptomen, die wiederkehren oder dauerhaft präsent sind. Dies soll eine kompakte, wissenschaftlich fundierte Orientierung bieten: Was bedeuten Begriffe wie Depression, Borderline, Suizidalität oder Stigma – und warum ist es so schwer, Hilfe zu suchen, obwohl sie da wäre? Die Inhalte sollen nicht beurteilen, sondern verstehen helfen: für Betroffene, für Angehörige und für alle, die lernen möchten, psychisches Leiden differenziert und respektvoll zu betrachten.

Psychische Gesundheit

Psychische Gesundheit ist nicht einfach die Abwesenheit von Krankheit, sondern die Fähigkeit, sich in einem komplexen sozialen und emotionalen Umfeld zu orientieren, Belastungen zu bewältigen und Sinn zu erfahren. Gesundheit und Krankheit sind dabei keine klar getrennten Zustände, sondern bewegen sich auf einem Kontinuum: Menschen können sich gleichzeitig belastet und handlungsfähig fühlen, oder äusserlich funktionieren, während innerlich vieles zusammenbricht. Psychische Gesundheit ist zudem immer auch ein gesellschaftlicher Begriff: Was als „normal“ gilt, wird durch Normen, Erwartungen und Leistungsbilder geprägt. Damit wird sichtbar, dass psychische Gesundheit nicht nur medizinisch, sondern auch ethisch und sozial verstanden werden muss.

Wie psychische Krankheiten entstehen

Psychische Erkrankungen entstehen meist nicht durch eine Ursache, sondern durch ein biopsychosoziales Zusammenspiel: Biologische Vulnerabilitäten, psychische Bewältigungsmuster, frühe Bindungs- und Beziehungserfahrungen sowie aktuelle Belastungen wirken zusammen. In vielen Fällen sind Symptome nicht „unlogisch“, sondern nachvollziehbare Reaktionen auf Überforderung, wiederholte Kränkungen, chronischen Stress oder traumatisierende Erfahrungen. Ein solches Verständnis verändert den Blick: weg von Schuld und Bewertung; hin zu Kontext, Mechanismen und der Frage, was Stabilisierung und Unterstützung möglich macht.

Psychische
Krankheiten

Chronische Depression

Depressive Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und umfassen ein breites Spektrum von leichten, vorübergehenden Verstimmungen bis hin zu schweren, chronischen Verläufen. In der ICD-10 werden sie unter den affektiven Störungen geführt, deren Kernmerkmale in einer veränderten Stimmungslage und einem veränderten Aktivitätsniveau liegen.

Im Zentrum depressiver Symptomatik stehen anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Freudlosigkeit und verminderter Antrieb. Chronische Depressionen unterscheiden sich von episodischen Verläufen vor allem dadurch, dass Symptome über Jahre bestehen bleiben und häufig nur teilweise auf Behandlungen ansprechen. Sie bessern sich in der Regel nicht spontan und gehen oft mit Hoffnungslosigkeit, Rückzug und einem brüchigen Vertrauen in Veränderung einher, was therapeutische Prozesse zusätzlich erschwert.

Forschungsbefunde deuten darauf hin, dass langfristig angelegte, störungsspezifische Psychotherapien in Kombination mit antidepressiver Pharmakotherapie besonders wirksam sind, insbesondere wenn biografische Hintergründe und frühe belastende Beziehungserfahrungen berücksichtigt werden.

Borderline

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zählt zu den emotional-instabilen Persönlichkeits-störungen und ist gekennzeichnet durch tiefgreifende Schwierigkeiten in der Emotions-regulation, der Selbstwahrnehmung sowie in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Typisch sind intensive, wechselhafte Affekte, Impulsivität, ein instabiles Selbstbild sowie starke Schwankungen in Beziehungen, häufig begleitet von Ängsten vor Verlassen werden und einem chronischen Gefühl innerer Leere. Viele Betroffene erleben Emotionen nicht nur „stärker“, sondern auch schneller und länger anhaltend, wodurch Situationen, die für andere handhabbar wirken, innerlich zu überwältigenden Spannungszuständen werden können.

Selbstverletzendes Verhalten tritt bei BPS häufig auf und erfüllt oft eine affektregulierende Funktion: Es dient nicht der „Aufmerksamkeit“, sondern der kurzfristigen Reduktion von innerer Anspannung oder dem Durchbrechen von Taubheit und Leere. Gleichzeitig ist das Risiko für suizidale Krisen erhöht, weshalb eine ernstzunehmende, nicht wertende Haltung zentral ist. Die Entstehung der BPS wird heute als biopsychosoziales Zusammenspiel verstanden. Neben neurobiologischen Vulnerabilitäten spielen frühe belastende Beziehungserfahrungen wie Vernachlässigung, Missbrauch oder chronische Invalidierung emotionaler Bedürfnisse, eine wichtige Rolle.

Gesellschaftlich ist Borderline stark stigmatisiert. Betroffene werden oft als „schwierig“ etikettiert, was nicht nur den Zugang zu adäquater Versorgung erschwert, sondern auch Selbststigma und Rückzug fördern kann. Ein differenziertes, empathisches Verständnis ist daher zentral, um Unterstützung möglich zu machen.

Suizidalität

Der Begriff Suizidalität umfasst ein breites Spektrum menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens: von flüchtigen Todesgedanken bis hin zu vollendeten Suizidhandlungen. Eine einheitliche Definition, die alle Facetten dieses komplexen Phänomens abbildet, existiert bislang nicht. Eine der umfassendsten Definitionen stammt von Haenel & Pöldinger (1986), die Suizidalität als „das Potenzial aller seelischen Kräfte und Funktionen, das auf Selbstvernichtung tendiert“ beschreiben.

Diese Definition betont, dass Suizidalität nicht auf eine Handlung reduziert werden kann, sondern ein innerpsychischer Zustand ist, der kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Dimensionen umfasst. Aus psychotherapeutischer Perspektive kann Suizidalität als Ausdruck einer Zuspitzung seelischer Entwicklung verstanden werden, in der Menschen hoffnungslos und verzweifelt über sich selbst, ihr Leben und dessen Perspektiven sind und die Situation als ausweglos erleben.

Aktuelle Modelle verstehen Suizidalität zunehmend als Kontinuum: von passiven Todeswünschen über konkrete Suizidgedanken bis hin zu Suizidversuchen und Suiziden. Das hat Konsequenzen für Prävention und Intervention, da suizidale Krisen als dynamische Prozesse mit variabler Intensität betrachtet werden müssen, nicht als einmalige Ereignisse.

Wichtig ist zudem: Suizidgedanken sind nicht automatisch Suizidabsicht. Häufig stehen sie in enger Verbindung mit innerer Überforderung und dem Wunsch nach Entlastung, nicht zwingend mit dem Wunsch zu sterben. Genau deshalb ist es entscheidend, offen darüber sprechen zu können und Hilfe nicht erst dann zu suchen, wenn eine Krise eskaliert.

,,Ich habe mich lange geschämt, weil ich dachte, mein Erleben sei nicht ,schlimm genug‘. Dieses Abwerten der eigenen Erfahrung ist für mich eine direkte Folge davon, wie psychische Erkrankungen gesellschaftlich bewertet werden.“

-Stimme einer Betroffenen

Stigma als gesellschaftlicher Mechanismus

Der Begriff Stigma bezeichnet ein gesellschaftliches Kennzeichen der Abwertung und Ausgrenzung bestimmter Gruppen oder Individuen. Er verweist auf soziale Prozesse, durch die Menschen aufgrund einzelner zugeschriebener Merkmale als „anders“ oder „abweichend“ markiert werden und dadurch an gesellschaftlicher Teilhabe verlieren.

Stigmatisierung entsteht häufig durch Kategorisierung: Menschen werden anhand einzelner Merkmale wie Verhalten, Herkunft oder Krankheit, in bestimmte Gruppen eingeordnet.

Diese vereinfachenden Zuordnungen führen zur Ausbildung von Erwartungen, Vorurteilen und stereotypen Zuschreibungen, die komplexe individuelle Lebensrealitäten ausblenden und häufig verzerrt oder unzutreffend sind. Stigma wirkt dabei nicht nur beschreibend, sondern normativ, indem es festlegt, was als „normal“ oder „abweichend“ gilt, und trägt so zur sozialen Distanzierung und Ungleichbehandlung bei.

Stigma

Stigmatiserung psychischer Erkankungen und Selbststigma

Im Kontext psychischer Erkrankungen zeigen sich Stigmata etwa in Annahmen, Betroffene seien schwach, unzuverlässig, schwierig oder gefährlich. Diese Zuschreibungen führen zu sozialer Distanzierung und Diskriminierung und erschweren den Zugang zu Bildung, Arbeit und medizinischer Versorgung.

Stigma wirkt jedoch nicht nur nach aussen: Viele Betroffene verbergen ihre Erkrankung aus Angst vor Ablehnung. Dies kann Scham, inneren Stress und Rückzug verstärken.

Werden gesellschaftliche Vorurteile verinnerlicht, entsteht Selbststigma, die Überzeugung, den negativen Zuschreibungen tatsächlich zu entsprechen, was Selbstwert und Hilfesuch-verhalten zusätzlich beeinträchtigen kann.

Suizidstigma als psychologischer Risikofaktor

Ein besonderes Augenmerk gilt dem Suizidstigma. Suizidale Gedanken werden gesellschaftlich häufig moralisch bewertet, was dazu führt, dass Betroffene schweigen, Hilfe nicht in Anspruch nehmen und Angehörige nach einem Suizid gesellschaftliche Distanzierung erleben.

Empirische Befunde zeigen, dass Stigmatisierung und Selbststigma über Isolation, Hoffnungslosigkeit und sogenannten „Stigmastress“ das Suizidrisiko erhöhen können.

Stigma ist damit nicht nur ein soziales Problem, sondern ein relevanter psychologischer Risikofaktor.

vergessen und erinnern

Was hilft – und was oft mehr schadet als nützt

Psychische Erkrankungen betreffen nie nur eine einzelne Person. Sie wirken in Beziehungen hinein: in Familien, Freundschaften, Teams. Für das Umfeld entsteht dabei oft ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch zu helfen und der Angst, etwas falsch zu machen.

Viele Angehörige berichten von Unsicherheit, Hilflosigkeit oder Überforderung. Gerade weil psychisches Leiden häufig unsichtbar ist, fällt es schwer einzuschätzen, wie ernst die Situation ist und was angemessen wäre. Forschung zeigt: Unterstützung wirkt dann entlastend, wenn sie nicht bewertet, sondern begleitet.

Für das Umfeld

-Stimme einer Betroffenen

,,Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen nicht ablehnend reagieren, sondern unsicher. Sie sagen zwar, es sei kein Problem, aber danach entsteht Distanz - nicht aus Bösem, sondern aus Angst, etwas Falsches zu sagen.“

-Stimme einer Betroffenen

,,Wenn die Anspannung über siebzig Prozent steigt, bin ich nicht mehr handlungsfähig. Dann geht es nur noch darum, diese Spannung irgendwie zu überstehen.“.“

Do’s and Dont’s

Ansprechen statt schweigen

Menschen in psychischen Krisen merken oft sehr genau, wenn sich ihr Umfeld zurückzieht.

„Mir hilft es mega, wenn jemand sagt: ‹Ich sehe, dir geht es gerade nicht gut – was ist los?›“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Validierung und Benennung des Zustands wirken stabilisierend und signalisieren: Du wirst gesehen.“

Nachfragen bei Suizidalität

Das Ansprechen suizidaler Gedanken stellt kein zusätzliches Risiko dar, sondern kann entlastend und schützend wirken. Offenes, wertfreies Nachfragen signalisiert Interesse, Ernstnehmen und Verbundenheit. Hilfreich sind dabei konkrete, Fragen etwa:

  • Häufigkeit: Wie oft treten diese Gedanken auf?

  • Art: Sind es passive Gedanken oder konkrete Vorstellungen?

  • Plan: Gibt es bereits einen Plan oder konkrete Schritte?

  • Drang: Wie stark ist der Impuls aktuell (z. B. auf einer Skala von 1–10)?

Diese Einschätzung hilft, die Situation besser einzuordnen und angemessen zu reagieren.

„Ich habe keine Angst vor Fragen. Ich wünsche mir, dass Leute hinschauen und nachfragen.“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Offenes Nachfragen kann Sicherheit erhöhen, das Gefühl von Isolation reduzieren und den Zugang zu rechtzeitiger Unterstützung ermöglichen. Entscheidend ist dabei, Betroffene aktiv einzubeziehen, gemeinsam zu klären, was ihnen in diesem Moment hilft, und nicht über sie hinweg zu entscheiden.

Zuhören statt lösen

Nicht jede Krise braucht eine Lösung, aber fast jede braucht Gehör.

„Es geht nicht darum, dass jemand weiss, was er sagen soll. Es hilft schon, wenn jemand da bleibt.“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Aktives Zuhören reduziert emotionale Überforderung und stärkt das Gefühl von Verbundenheit.

Hilflosigkeit benennen

Niemand muss im Umgang mit psychischem Leiden immer die richtigen Worte finden. Man kann nicht alles wissen, und das ist in Ordnung. Gerade ehrliche Unsicherheit kann Nähe schaffen und entlastend wirken.

„Du kannst auch sagen: ‹Ich weiss gerade nicht, wie ich helfen kann oder was ich sagen soll – aber ich bin für dich da.›“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Authentizität verhindert Rückzug und Distanzierung. Wer eigene Hilflosigkeit offen benennt, signalisiert Echtheit, Interesse und Verbundenheit, ohne zu bagatellisieren oder vorschnelle Lösungen anzubieten.

Für Betroffene kann dies bedeuten, sich gesehen zu fühlen, ohne Erwartungen erfüllen zu müssen. Eine solche Haltung stärkt die Beziehung und schafft einen sicheren Raum für Austausch, auch dann, wenn keine unmittelbaren Antworten vorhanden sind.

Im Hier und Jetzt helfen

Bei hoher Anspannung hilft oft nicht das Gespräch, sondern Orientierung.

„Farben benennen, meinen Namen sagen oder mich bitten, etwas zu beschreiben – das bringt mich zurück.“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Grounding-Techniken unterstützen die Emotionsregulation und helfen, aus Überforderung herauszukommen.

Nicht bagatellisieren

Sätze wie „Das wird schon wieder“, „So schlimm ist es doch nicht“ oder „Andere haben es auch schwer“ sind oft gut gemeint, können für Betroffene jedoch sehr verletzend sein.

„Wenn jemand sagt, es sei doch gar nicht so schlimm, fühlt es sich an, als würde mein Erleben weggewischt. Dann denke ich: Vielleicht übertreibe ich wirklich – und schäme mich noch mehr dafür.“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Bagatellisierende Aussagen vermitteln, dass Gefühle und Belastungen nicht ernst genommen werden. Sie können Selbstzweifel verstärken, Scham auslösen und dazu führen, dass Betroffene sich zurückziehen oder weniger offen über ihre Situation sprechen. Statt Entlastung entsteht Distanz, obwohl eigentlich Nähe und Verständnis gebraucht würden.

keine ungefragten Ratschläge

Auch gut gemeinte Tipps können Druck erzeugen - vor allem dann, wenn sie ungefragt kommen.

„Ich habe nur einen Ratschlag: keine Ratschläge.“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Ratschläge verschieben den Fokus vom Erleben der betroffenen Person hin zur schnellen Lösung oder „Reparatur“ des Problems. Das kann das Gefühl verstärken, nicht richtig zu sein oder etwas falsch zu machen. Gerade in psychischen Krisen fehlt Betroffenen oft die Kraft, vermeintlich einfache Lösungen anzuwenden.

Zudem können Ratschläge ungewollt Ohnmacht verstärken: Statt gehört und verstanden zu werden, entsteht der Eindruck, funktionieren zu müssen. Unterstützend ist es daher, zunächst zuzuhören, Fragen zu stellen und gemeinsam zu klären, was in diesem Moment wirklich hilft – oder einfach da zu sein, ohne etwas „lösen“ zu müssen.

Nicht ignorieren

Rückzug aus Unsicherheit kann als Ablehnung erlebt werden.

„Die Leute ziehen sich oft zurück – nicht weil sie böse sind, sondern weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen.“

-Stimme einer Betroffenen

Warum?
Schweigen kann für Betroffene sehr schmerzhaft sein. Es verstärkt das Gefühl von Isolation und kann den Eindruck vermitteln, eine Belastung zu sein oder „zu viel“ zu sein. Gerade in Krisenzeiten ist soziale Nähe jedoch besonders wichtig.

Nicht perfekte Worte sind das Entscheidende, sondern Präsenz. Ein einfaches „Ich weiss nicht genau, was ich sagen soll, aber ich bin da für dich“ kann mehr Halt geben als gut formulierte, aber distanzierte Aussagen. Sichtbar zu bleiben – auch mit Unsicherheit – signalisiert: Du bist nicht allein.

Im Interview beschreibt die Betroffene Stigmatisierung vor allem als unsichtbare Distanz im Alltag: Viele Menschen reagieren zwar oberflächlich verständnisvoll („voll easy“), ziehen sich danach aber zurück – nicht unbedingt aus Ablehnung, sondern aus Unsicherheit, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen oder „nichts Falsches sagen“ wollen. Diese Reaktion vergleicht sie mit Situationen wie Trauerfällen: Das Thema macht viele sprachlos, wodurch Betroffene sich schnell allein gelassen fühlen.

Im Zusammenhang mit Borderline schildert sie, wie stark die Störung negativ stigmatisiert ist – besonders auch in klinischen Kontexten. Sie berichtet, dass Betroffene dort teils als „nervig“ oder „schwierig“ bezeichnet werden und dass ihr sogar von einem Arzt gesagt wurde, Betroffene wollten „nur Aufmerksamkeit“. Sie erlebt das als verletzend und als Beispiel für Systemstigma.

Inhaltlich beschreibt sie Borderline vor allem als Störung der Emotionsregulation: Emotionen und innere Anspannung können sehr schnell und sehr stark ansteigen. Zur Veranschaulichung nutzt sie das Bild einer „Spannungskurve“, wie sie auch im Rahmen der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) nach Linehan vermittelt wird. Ab einem hohen Anspannungsniveau (z. B. über 70 %) erlebe sie sich als kaum noch handlungsfähig; in diesem Zustand gehe es primär darum, die Anspannung rasch zu reduzieren oder „zu beenden“. Dabei könne es zu dysfunktionalen Bewältigungsstrategien kommen, etwa Selbstverletzung, Alkohol oder suizidalen Impulsen. Als besonders hilfreich beschreibt sie deshalb DBT-nahe Strategien: Frühwarnzeichen rechtzeitig wahrnehmen, die Anspannung möglichst unterhalb einer kritischen Schwelle stabilisieren und frühzeitig mit Skills/Regulationsstrategien gegenzusteuern, bevor der Zustand eskaliert.

Für das Umfeld beschreibt sie sehr konkret, was helfen kann: ansprechen statt ignorieren, im „Hier und Jetzt“ verankern (z. B. Fragen nach Farben/Gegenständen), den Namen sagen, einfache Ablenkung oder kognitive Aufgaben (z. B. rückwärts buchstabieren). Teilweise kann auch körperliche Präsenz oder behutsamer Kontakt helfen – wichtig sei dabei Respekt und Situationsgefühl. Grundsätzlich hilft alles, was den Körper wieder spürbar macht (Bewegung, „Abschütteln“, kurze körperliche Aktivität), um aus dem dissoziativen/hochgespannten Zustand zurückzukommen.

Ein weiterer zentraler Punkt ist der Druck, nach aussen funktionieren zu müssen. Sie beschreibt, dass sie oft stabil wirkt (z. B. im Studium), obwohl es innerlich schlecht sein kann. Sie vergleicht psychische Erkrankungen mit somatischen (z. B. Krebs) und betont, dass psychisches Leiden gesellschaftlich oft weniger ernst genommen wird – auch von Betroffenen selbst. Gleichzeitig schildert sie Schuldgefühle, dem Umfeld „zu viel zugemutet“ zu haben, und deshalb Probleme, erneut Hilfe einzufordern.

Kunst und Schreiben beschreibt sie als wichtige Ausdrucksformen: Weil niemand direkt sehen kann, wie es sich innerlich anfühlt, könne Kunst Verstehen erzeugen, ohne alles erklären zu müssen. Ihr Ziel ist nicht Mitleid, sondern ein „Hauch von Verstehen“, damit sie sich weniger allein fühlt.

Zum Thema Suizidalität beschreibt sie, dass Menschen oft entweder überfordert sind oder zu schnell in Aktionismus verfallen. Sie wünscht sich, ernst genommen zu werden, ohne dass man sie „abnickt“ – aber gleichzeitig ein Vorgehen, das zuerst ruhig klärt, wie dringend es ist (Häufigkeit, Pläne, aktuelle Gefahr), und dann gemeinsam überlegt: Was hilft jetzt konkret? Sie betont: Suizidgedanken bedeuten nicht immer, sterben zu wollen – oft seien sie Ausdruck von Ausweglosigkeit. In solchen Momenten helfe vor allem: da bleiben, begleiten, nicht allein lassen, zusammen etwas tun oder reden – und bei akuter Gefahr professionelle Hilfe einschalten.

Stimme einer Betroffenen

Anlaufstellen

Sanitäts-Notruf
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Notfallpsychiatrie Universtitätsspital Zürich
044 255 11 11
24 Stunden-Notfalldienst auf der Notfallstation des Universitätsspitals Zürich

Kriseninterventionszentrum Zürich KIZ
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